Sei der Andere: Systemisches Erleben in Hypnose – verstehen statt verurteilen
von Andreas Kürth
Erschienen im MITEINANDERSEIN 114 (September bis November 2026)

„Ich verstehe meinen Vater einfach nicht.“ Mit diesen Worten begann unsere Sitzung. Wenige Minuten später hatte sich etwas verändert. Die Augen der Klientin waren geschlossen, sie befand sich in tiefer Hypnose – und plötzlich saß sie ihrem Vater nicht mehr gegenüber. Für einen kurzen Augenblick war sie ihr Vater.
Sie sprach mit seiner Stimme. Sie beschrieb seine Gedanken. Sie fühlte seine Sorgen, seine Überforderung, seine Beweggründe. Als sie später wieder ganz bei sich war, sagte sie nur: „Jetzt verstehe ich ihn zum ersten Mal.“
Genau das fasziniert mich an der Verbindung von systemischem Arbeiten und Hypnose. Das systemische Aufstellen macht seit vielen Jahren sichtbar, dass persönliche Probleme oft Teil eines größeren Familiensystems sind. Üblicherweise übernehmen Stellvertreter oder Figuren die einzelnen Rollen und machen die Beziehungen von außen sichtbar. Allein das kann bereits erstaunliche Erkenntnisse ermöglichen.
In der Hypnose geht dieser Prozess jedoch einen entscheidenden Schritt weiter. Hier beobachtet der Mensch das System nicht von außen – er erlebt es von innen.
Eine Klientin kann nacheinander zur Mutter werden, anschließend zum Vater, später zum Bruder oder zur Großmutter. Für kurze Zeit denkt sie mit deren Gedanken, fühlt deren Gefühle und erlebt deren innere Welt. Sie versteht nicht nur, was diese Menschen getan haben, sondern auch, warum sie so gehandelt haben. Dadurch entsteht ein tiefes Verständnis für alle Beteiligten – nicht über den Verstand, sondern durch unmittelbares Erleben.
Dieses Erleben bedeutet keineswegs, das Verhalten anderer zu entschuldigen. Es eröffnet vielmehr einen neuen Blickwinkel. Aus Vorwürfen wird Verständnis. Aus Ohnmacht entsteht Klarheit. Und genau darin liegt häufig der Schlüssel für Veränderung.
Eine weitere Besonderheit dieser Arbeit ist, dass sich die Reise nicht auf bekannte Familienmitglieder beschränken muss. In der Hypnose ist es möglich, gezielt zu jener Person zu gehen, bei der ein bestimmtes Muster seinen Ursprung genommen hat. Ich begleite die Klientinnen und Klienten dabei beispielsweise mit der Einladung: „Gehe zu der Person, mit der dieses Thema begonnen hat.“
Immer wieder zeigt sich dabei ein roter Faden, der über Generationen hinweg sichtbar wird.
So war es auch bei einer jungen Frau Anfang dreißig, die unter einer generalisierten Angststörung litt. Ängste bestimmten nahezu jeden Bereich ihres Lebens. Ich kannte auch ihre Mutter und ihre Großmutter persönlich – beide lebten ebenfalls mit ausgeprägten Ängsten. Schon äußerlich war zu erkennen, dass sich dieses Muster über mindestens drei Generationen fortgesetzt hatte.
Während der Hypnose schlüpfte die junge Frau zunächst in die Rolle ihrer Mutter. Sie erlebte deren Unsicherheit, ihre ständige innere Alarmbereitschaft und das Gefühl, jederzeit mit etwas Schlimmem rechnen zu müssen. Anschließend nahm sie die Rolle ihrer Großmutter ein und erkannte dieselben Gefühle wieder – nur noch intensiver.
Schließlich führte die Reise noch weiter zurück. Zu jener Person, bei der dieses Muster seinen Anfang genommen hatte. Dort wurde sichtbar, wie aus einer ursprünglich sinnvollen Schutzreaktion im Laufe der Generationen ein unbewusst weitergegebenes Lebensprogramm geworden war.
Durch ein symbolisches Ritual konnte diese Weitergabe bewusst beendet werden. Die junge Frau hatte anschließend nicht das Gefühl, gegen ihre Angst gekämpft zu haben. Vielmehr erlebte sie, als habe sie eine Last abgelegt, die nie wirklich ihre eigene gewesen war. Gleichzeitig entstand in ihr das tiefe Empfinden, nicht nur sich selbst etwas Gutes getan zu haben, sondern auch einen heilsamen Impuls für ihre Familiengeschichte gesetzt zu haben.
Für mich liegt genau darin die besondere Kraft dieser Methode. Sie verbindet das systemische Verständnis mit einer Erfahrung, die weit über das reine Nachdenken hinausgeht. Wer für einen Augenblick die Welt mit den Augen eines anderen sieht, dessen Gedanken denkt und dessen Gefühle erlebt, erkennt Zusammenhänge, die vorher verborgen waren. Aus diesem Verstehen kann etwas Neues entstehen – oft ganz ohne Kampf.
Vielleicht liegt der größte Wert systemischer Arbeit nicht darin, Antworten zu finden. Sondern darin, für einen Augenblick die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen. Denn genau dort beginnt oft das Verständnis – und mit ihm die Veränderung.

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HEALMAN · Andreas Kürth · Wegbereiter – Wegbegleiter · Auflösung von Ängsten, Süchten, Verstimmungen, psychosomatischen Symptomen, ungünstigen Gewohnheiten und Glaubenssätzen – Mit der Kraft der Hypnose und der Energiearbeit · Schönherrstr.8, 09113 Chemnitz · Tel. 0155 66005588 · www.healman.de · Facebook · Instagram