Erschienen im MITEINANDERSEIN 113 (Juni bis August 2026)

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01.06.2026 ⋅ Bewusstseinsentwicklung

Nein, so fängt keine Geschichte an, obwohl es sich wahrscheinlich lohnen würde, mal eine darüber zu schreiben. Man kann das ziemlich trocken betrachten oder durchmeditieren – oder auch ganz wissenschaftlich unter die Lupe nehmen... Betrachtungsweisen gibt es sicherlich viele, aber am Ende kommt es immer auf dasselbe an. Auf Dich. Hier sind drei Ansätze, die vielleicht zum Nachdenken anregen:

1. Eine spirituelle Sicht

Irgendwo sitzt eine unsichtbare Instanz mit Notizbuch. Sie verteilt Punkte. Ein Parkplatz für gute Taten, Regen am Hochzeitstag für schlechte Gedanken. Wer das glaubt, glaubt an einen ziemlich kleinlichen Gott. Die Wahrheit ist näher. Auch unangenehmer.

Karma ist nicht das, was von außen zu dir zurückkommt. Karma ist das, was in dir bleibt. Jede Entscheidung und jede Tat hinterlässt eine Spur – nicht im Universum, sondern in dir. Etwa wenn du spürst, ob du gerade aufrecht stehst oder dich innerlich wegduckst, ob du die Tür vielleicht gerade lieber hättest aufhalten sollen oder bei der kleinen Unwahrheit oder großen Lüge in der Beziehung als auch dem Kratzer am Auto vom Nachbarn. Nicht Strafe. Erinnerung. Und um die kommst du nicht drum herum.

2. Eine psychologische Sicht

Dein Verstand vergisst schnell. Er erklärt, entschuldigt, sortiert um. Aber dein Körper vergisst nicht. Dein Nervensystem nicht. Dein Unterbewusstsein sammelt nicht nur, was dir passiert ist sondern auch, was du selbst getan hast. Stell dir vor, du hast jemanden belogen. Nicht einmal. Öfter. Irgendwann weißt du rational, dass du lügst aber du weißt auch nicht mehr genau, wo die Grenze ist. Nicht weil du schlecht bist, sondern weil du es durch Wiederholung geübt hast. Am Anfang hattest du noch ein schlechtes Gewissen gehabt, bis es irgendwann zur Routine wurde.

Wer andere benutzt, wird vorsichtiger mit Nähe – nicht als Entscheidung, sondern als Reflex. Wer ehrlich handelt, auch wenn es wehtut, baut etwas auf, das größer ist als Ego. Stabiler auch. Und vor allem schöner. Kein Zauber. Erinnerung im System und im Körper. Und ein gutes Selbstgefühl. Oder auch nicht.

3. Eine Real-World-Sichtweise

Im echten Leben kommt Karma meist nicht pünktlich, auch nicht gerecht und manchmal gar nicht.

Manche tun viel Gutes und bekommen Härte zurück. Manche verhalten sich rücksichtslos und gewinnen. Beides passiert. Wer Karma als kosmische Gerechtigkeit braucht, um weiterzumachen, baut auf Sand oder denkt in Rache oder Schadenfreude.

Denn wer weiß schon die Beweggründe, warum jemand im Supermarkt das Brot mitnimmt oder bei Deichmann ein paar Schuhe einpackt? Bewerten und abwerten schadet hauptsächlich uns selbst. Diese Spannung lässt sich nicht wegdenken und ist auch der falsche Leitfaden. Denn wenn du bestimmte Dinge nur aus Angst vor Konsequenzen tust oder nicht tust, dann macht das aus dir keinen guten Menschen, sondern jemanden, der nicht unter seinen eigenen Handlungen leiden möchte – auch eine gute Herangehensweise, um ein besserer Mensch zu sein. Jedoch stellt sich die Frage: Was ist, wenn die Konsequenzen gering oder gar nicht erwähnenswert sind? Wirfst du das Papiertaschentuch auf die Straße oder steckst du es ein? Du weißt, was richtig wäre. Die Konsequenzen sind sehr gering. Was machst du? Steckst du den 20-Euro-Schein ein, den der Einkäufer vor dir verloren hat, ohne dass es jemand bemerkt?

Unser Verhalten bleibt selten folgenlos.

Menschen spüren, ob sie sich bei dir sicher fühlen. Ob du fair bist, wenn es nichts zu gewinnen gibt, ob dein Wort Gewicht hat. Das baut sich nicht in einem großen Moment auf – es entsteht durch Wiederholung, aus hundert kleinen Momenten, in denen du dich entschieden hast.

Und auch wenn niemand hinsieht: Ein Teil von dir sieht hin.

Eine Schlussfolgerung

Vielleicht ist Karma nicht: „Du bekommst, was du verdienst.“ Vielleicht ist es: „Du wirst, was du wiederholst.“

Du bist dein Karma – nicht wegen der schönen Sätze über dich, nicht wegen deiner Absichten, nicht wegen dem Bild, das andere haben sollen. Sondern wegen dem, was du tust, wenn es leicht wäre, dich selbst zu verraten. Es geht um das absichtslose Handeln: Wenn du Gutes tust, tue es des Guten wegen. Nicht für etwas, was du dir daraus erhoffst. Dein Unterbewusstsein schreibt mit. Nicht kleinlich. Nicht moralisch beleidigt. Sondern genau. Auch darüber, wie du agierst und reagierst. Daraus wird im Laufe der Zeit dein Wesen.

Und irgendwann zeigt sich, was du lange geübt hast. Im Gesicht. In deinen Beziehungen. In der Art, wie du schläfst. In der Frage, ob du dir selbst noch glaubst.

Karma ist nicht eine Macht über dich. Es ist die Macht in dir. Die Macht, in jedem Moment zu entscheiden, wer und was du bist.

Du bist es.

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