Erschienen im MITEINANDERSEIN 113 (Juni bis August 2026)

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01.06.2026 ⋅ Bewusstsein, Bewusstseinsentwicklung

Karma. Vielleicht ist es eines der am häufigsten missverstandenen Wörter, das aus den östlichen Traditionen in unsere Alltagssprache gewandert ist. „Das ist Karma…“, sagen wir leichthin, wenn jemand, der uns geschadet hat, plötzlich selbst ins Stolpern gerät. Wir benutzen das Wort wie eine kosmische Quittung, wie eine Art himmlische Buchhaltung, die irgendwann schon für Gerechtigkeit sorgen wird. Doch je länger ich in den Quellen geforscht habe – während meiner Promotion habe ich mich über mehrere Jahre mit der Körper-Geist-Beziehung im tibetischen Buddhismus beschäftigt – desto klarer wurde mir, wie sehr diese Verkürzung das Eigentliche verfehlt. Karma ist kein Strafregister. Es ist viel feiner. Und viel persönlicher.

Eine Tat, die weiterklingt …

Das Sanskrit-Wort karman bedeutet schlicht „Tat“ oder „wirkende Handlung“. Schon in den frühen indischen Schriften, in den Veden und Upanishaden, wird Karma als eine Art Naturgesetz beschrieben: Jede Handlung trägt eine Wirkung in sich, jedes Tun zieht Folgen nach sich. Im buddhistischen Kontext, dem ich mich besonders zugewandt habe, wird das Wort sogar als „evolutionary action“ übersetzt – als Handlung, die Entwicklung in Bewegung setzt; ein unpersönlicher, natürlicher Prozess von Ursache und Wirkung.

Während meiner Recherche bin ich auf ein Bild gestoßen, das mich seither nicht mehr loslässt. Im klassischen Buddhismus wird Karma mit einer Schallwelle verglichen. Wenn ein Ton erklingt, wandert nicht der Ton selbst durch den Raum – es ist die Kraftübertragung, die weiterwirkt. Karma, so ließe sich daraus übersetzen, ist kein Konto, das wir füllen oder leeren. Es ist eine Bewegung, die in Schwingung versetzt wurde und weiterläuft. Wir tragen kein Karma mit uns, wir bringen es zum Klingen.

Warum Karma sich nicht messen lässt

Eine der spannendsten Beobachtungen aus meiner Forschung war die folgende: Karma ist ein Begriff, den die westliche Wissenschaft kaum greifen kann – und das aus einem bestimmten Grund: Karma lässt sich nicht aus der Dritte-Person-Perspektive erfassen, also nicht aus jener objektivierenden Außensicht, in der die Naturwissenschaften sich gewöhnlich bewegen. Es entzieht sich der Messbarkeit, weil es seinem Wesen nach nur aus der ersten Person verstanden werden kann. Der Buddhismus hat den Begriff überhaupt eingeführt, um kausale Abhängigkeiten sichtbar zu machen, die wir innerlich erleben, aber äußerlich kaum nachweisen können.

Das ist keine Schwäche des Konzepts, sondern sein Wesen. Karma beschreibt keine Beobachtung, die sich von außen objektivieren ließe – es beschreibt, wie wir das, was wir tun und denken, in uns weitertragen, wie es uns formt, wie es das feine Gewebe unseres Lebens prägt. In diesem Sinne ist Karma keine spirituelle Belohnung, sondern eine sehr nüchterne Beschreibung dessen, wie wir entstehen.

Ein tibetisches Sprichwort, das alles auf den Punkt bringt

In meiner Dissertation zitiere ich ein tibetisches Sprichwort, das mich bis heute begleitet:
„Wundere dich nicht über deine früheren Leben – schau aufmerksam auf deinen jetzigen Körper. Wundere dich nicht über deine zukünftigen Leben – schau auf deinen Geist im Augenblick.“
Hier ist die ganze Karma-Lehre in zwei Sätzen verdichtet. Wir müssen nicht spekulieren über kosmische Buchhaltungen oder ferne Vergangenheiten. Wir können einfach hinschauen: Wer bin ich gerade, wie bewege ich mich durch den Tag, was strömt mir in diesem Moment durch den Geist? Das ist Karma. Nicht weniger, und nicht mehr.

Karma im Alltag — eine kleine Welle, die du anstößt

Stell dir vor, du gerätst morgens in einen kleinen Streit mit deinem Partner oder mit jemandem, der dir nahesteht. Ein Ton, ein falsch gewähltes Wort. Du fährst zur Arbeit, doch in dir bleibt etwas zurück: ein leises Gefühl von Verstimmung, ein leicht verengter Brustkorb, der Rest eines unausgesprochenen Vorwurfs.

Im Büro begegnet dir eine Kollegin, die nichts von dem Streit weiß. Doch du reagierst auf ihre harmlose Bemerkung etwas schroffer, als nötig wäre. Sie ist irritiert. Ihre Energie kühlt ab. Sie wird im Meeting weniger einbringen, als sie hätte können. Im Verlauf des Tages spürt sie, ohne zu wissen warum, eine kleine innere Mutlosigkeit. Vielleicht wird sie abends mit ihrem Mann kürzer angebunden sein, als sie es eigentlich sein wollte.

Das ist Karma. Kein Schicksalsschlag, kein Strafgericht. Eine Welle, die du am Morgen angestoßen hast und die du selbst gar nicht mehr verfolgst. Sie wandert weiter. Vielleicht kommt etwas davon irgendwann zu dir zurück, vielleicht nicht. Aber das eigentlich Karmische geschieht zugleich auf einer anderen Ebene: Du selbst trägst die Verstimmung in dir – und sie formt, mit jeder Stunde, ein klein wenig den Menschen, der du jetzt bist und morgen sein wirst.

Der umgekehrte Fall ist genauso wahr. Ein Lächeln am Morgen, ein ehrliches Danke, ein Moment von echtem Hinsehen – und derselbe Strom fließt, nur in eine andere Richtung.

Karma als feinstoffliche Bewegung

In den buddhistischen Schulen, mit denen ich mich in der Dissertation näher befasst habe, gilt Karma als eine treibende Kraft hinter den inneren Strömen, die unseren Körper und unseren Geist verbinden. Es ist nicht nur eine ethische Kategorie. Es ist eine energetische Realität. Wenn wir handeln, sprechen, denken – auch wenn niemand zusieht – setzen wir innere Strömungen in Bewegung. Diese Strömungen verändern unseren Körperzustand, unsere Wahrnehmung, unsere Resonanzfähigkeit für die Welt.

Wir sind keine getrennten Wesen, die ab und zu etwas tun. Wir sind in jedem Augenblick Teil eines feinen Beziehungsgewebes, das sich durch unser Tun ständig neu webt.

Was bleibt

Vielleicht hilft es, Karma weniger als Lehre und mehr als Einladung zu betrachten. Eine Einladung, hinzuschauen. Nicht moralisch, sondern aufmerksam. Nicht bewertend, sondern wachsam.
Was strömt durch mich in diesem Moment? Welche Welle stoße ich an, wenn ich gleich diesen Raum betrete? Was trage ich nach Hause, wenn der Tag zu Ende geht?

Diese Fragen verlangen weder Glauben noch Bekenntnis. Aber sie verändern, leise und Stück für Stück, wie wir uns selbst bewohnen – und wie wir die Welt bewohnen, die uns umgibt. Karma, in seiner ursprünglichen, philosophischen Tiefe, ist keine Drohung und keine Tröstung. Es ist die schlichte Beobachtung, dass nichts, was wir tun, ohne Folge bleibt – am wenigsten in uns selbst.

Kongress „Die Kraft des WIR” – Über das Miteinander in die neue Zeit u. a. mit Raik Garve

Anbieter

Dr. Julia König · Institut für Bewusstseinsentfaltung · wissenschaftl. fundierte Vorträge, Seminare und Beratung zur Zirbeldrüse, Körper-Geist-Verbindung, Buddhismus, Herzöffnung, Meditation · Erdmannstr. 3, 04229 Leipzig · info@drjuliakoenig.de · Tel. 0176 63456878 · www.institutbewusstseinsentfaltung.de