Ausstellung „Ikarus landet” – Bilder und Gedanken von Frank-Ole Haake
von Frank Ole Haake
Erschienen im MITEINANDERSEIN 113 (Juni bis August 2026)

Solange wir auf der Geschlechterebene einen Machtkampf führen, verlieren wir alle immer wieder. Der Text ist ein Puzzlestück aus einem hoch-komplexen System, das durchaus als Minenfeld erfahrbar werden kann. So bitte ich um ein wertschätzendes Lesen. Wenn ich von Männern und Frauen schreibe, benutze ich eine gesellschaftliche Differenzierung, eine Unterscheidung, die weitgehend akzeptiert ist und gleichzeitig hinterfragbare Klischees schafft. Denn die Leben von Eltern, unterscheiden sich von Menschen, die keine Kinder haben, Familien von Alleinerziehenden, arm von reich, Norddeutsche von z.B. Bayern, Ost von West …
Ein Text von Frank-Ole Haake, Juni 2026
Ikarus landet – 2026
Das erste Mal landete er 2006 in meinem Atelier. Nach 10 Jahren als Ingenieur und 10 Jahren als Sozialpädagoge landete ich selbst mit der Frage: Ist das mit dem Künstlersein nur eine fixe Idee oder hat es Substanz? Jetzt, 20 Jahre später, findet ein Experiment ein Ende, das 1995 begann. Damals hängte ich meinen Ingenieur an den Nagel und ließ mich ein – auf mich und die göttlichen Kräfte. Das war mir so noch nicht bewusst. Es wurde ein Holperweg, steinig und doch immer wieder von Licht erwärmt. Ikarus landet und steckt sich eine Feder ins Haar. Er geht seiner Nase nach und findet eine Frau. Ich hatte mehrere Beziehungen, lange und kurze: Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling. Niemand darf dem Schmetterling helfen, er muss sich selbst aus dem Kokon befreien. In dieser Zeit kämpft Altes und Neues miteinander, es gibt eine Phase des „Matsches“. Er muss durch diese Phase des Nichts gehen, die Phase der Auflösung. Ikarus landet auf Mutter Erde. Die Mutter des griechischen Ikaros taucht nicht auf.
Er selbst erscheint an der Seite seines Vaters Dädalus, nur um dann zwei Seiten später zu sterben. Die Götter lassen ihn sterben, weil sein Vater einen Mord nicht sühnte. Dädalus baut auch den Irrgarten für den Minotaurus. Der Minotaurus ist ebenfalls ein Junge, der die Untaten seiner Eltern sühnen muss. Mit diesem Wissen bekommt die Geschichte einen aktuellen Bezug: Kinder tragen die Symptome der Familiensysteme. Sie übernehmen die Aufgabe, diese Systeme zu heilen. Dafür verdienen sie unseren tiefen Respekt und wir dürfen es verstehen, dass wir alle Teile von unendlichen Generationenketten sind. Die Grausamkeiten der letzten Kriege wurden von alltäglichen Menschen begangen. Männer zogen in fremde Länder, Mütter gebaren „dem Führer“ Kinder. Diese Kinder wurden als Kanonenfutter aufgezogen und das braucht keine Liebe, im Gegenteil! Wer liebt, mordet nicht.
Das alles wirkt noch in uns. Es steckt uns in den Knochen, in den Zellen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es wirkt als Krankheit, als Machtanspruch, der schützen soll. Wir dürfen es wieder lernen, zu lieben, uns selbst zu lieben, Männer und Frauen dürfen lernen, sich gegenseitig zu lieben. Dafür sind wir auf dieser Erde gelandet. Kinder dürfen in Liebe gezeugt werden und aufwachsen. Wir sind nicht für alles verantwortlich, was wir auf unserem Lebensweg mitbekommen, doch für das, was wir am Ende dieser Inkarnation wieder mitnehmen. Ikarus landet auf der Erde. Die Erde spendet Leben, u.a. das Leben der Pflanzen. Diese Pflanzen schaffen aus mineralischen Grundstoffen und Energie sich selbst als lebendige Wesen, die den Kreisläufen der Natur folgen, und damit auch alles weitere tierische und menschliche Leben. Doch in der kirchlichen Bibel verflucht Gott die Erde. Welch ein Unsinn! Gott verflucht nicht sein eigenes Werk. Die Erde wird den Frauen zugeordnet, der Himmel den Männern. Das Verfluchen der Erde fällt auch auf die Frauen zurück, zu dem wurden sie auch noch aus der Rippe Adams geschaffen. Eine weitere Blasphemie. In den Frauen wächst neues menschliches Leben heran, sie verdienen tiefen Respekt und Hochachtung … Doch genau diese Eigenschaft, dieses Vermögen wird abgewertet. Von Männern und Frauen, durchaus auch global. Eine der hässlichsten Blüten dieser kapitalistisch-imperialistischen Gesellschaft.
Diese Abwertung fällt inzwischen auf Jungen und Männer zurück. Sie erfahren die Spiegelwirkung, sie durchleben eine tiefgreifende Phase der Unsicherheit. „Wer bin ich, wann bin ich Mann?“ Eine Aussage drückt diese Situation aus: »Das für uns Überraschende, fast Erschreckende ist dabei nicht, dass männlichkeitsorientiertes Verhalten oder erkennbare Ideologien von Männlichkeit auch kritisch betrachtet und bewertet werden. Es ist viel mehr diese Durchgängigkeit, dieses nahezu überall präsente soziale »Understatement«, dass Jungen und Männer in einem wesentlichen Teil ihrer geschlechtsbezogenen sichtbaren Persönlichkeitsanteile und Verhaltensweisen abgewertet werden.« (Zitat aus „Authentisch, Kompetent und Normal“, BZgA, 1998)
Leben bedeutet Veränderung, Entwicklung. Durch die Industrialisierung, durch die großen Weltkriege verschwanden die Männer als anfassbare, angreifbare, lebendige Vorbider für Jungen und Mädchen aus den Familien. Väter sind nicht da, auch wenn sie in den Familien anwesend sind. Sie fehlen im Alltag der Kinder und im Alltag lernen Kinder Leben leben. Kinder wachsen auf dem Feld der Mütter und Frauen auf. Auf diesem Feld fehlt durchaus die Weiblichkeit, so wie sie überall in dieser Gesellschaft fehlt: Verbundenheit mit der Erde, mit der Schöpfung. Intuitives Handeln, Gefühle zu lassen ist nicht nur ein Thema für Männer. Auf dem Weg in die Emanzipation haben Frauen übersehen, welche Traumata Jungen erleben müssen um „Männer“ zu werden, um dem Männerbild dieser patriarchalen Gesellschaft zu entsprechen, um hart und verkopft zu werden. Jungen haben ihre Träume aufgegeben, früh schon. Ihre Seelen sitzen noch im Sandkasten und wollen spielen, doch sie selbst rennen schon auf dem Karriereweg, eingebunden in familiäre und gesellschaftliche Zwänge. Inzwischen rennen auch die Mädchen mit und wenn sie wollen, auch mit der Waffe in der Hand.
Claudia von Wehrlhof bringt das patriarchale Prinzip auf einen Punkt: „Zerstören der Natur, um Neues schaffen können.“ Fortschritt um den Preis des allgemeinen Todes. Und diesem patriarchalen Prinzip dienen Männer und Frauen.
Das Landen der Männer bedeutet auch, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Beziehungen aufzunehmen, sich einlassen auf sich und die Partnerin. Dieses Einlassen erfordert auch, sich notwendiger Weise von der Mutter zu lösen. Gelingt es dem Mann oder auch der Frau nicht, den Schritt von den Eltern zu vollziehen, dann entstehen Dramen und Leiden. Wird ein Mann Vater, geht er einen nächsten großen und konflikthaften Entwicklungsschritt. Er muss seinen Prinzenstatus verlassen. Oft agieren Männer dann im „Wahn des Nestbaus“ … viel Arbeiten, Geld heranschaffen … doch es braucht Nähe, Verbindung, Zuwendung zu Frau und Kind.
Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Abwertung von Mann und Frau in ihrem natürlichen Sein? Einbindung in das alchemistische Prinzip, das Natürliche zu zerstören, um Neues, Besseres zu schaffen? Das funktionierte noch nie. Jedenfalls nicht das Schaffen von Neuem und Besseren, das Zerstören klappt! Doch Ikarus landet, er stellt sich diesem Leben, seinem Lebenswillen, seiner Lebensfreude, der Freude daran, sich selbst zu entdecken: Als sein Sohn ihn fragt: „Vater, warum können Vögel fliegen, wir aber nicht?“, baut er Flügel für sich und seine Familie. Denn es ist gut, mit dem Albatros um die Wette zu segeln und die Füße wieder auf die Erde zu stellen, nach Hause zu kommen.
Wer ist das, der Mensch? Wir tragen Gott in uns und wir dürfen und müssen die göttliche Liebe auf die Erde bringen. Simone Weil schrieb: Die Zeit ist das Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt.
Ikarus landet: Eine Ausstellung mit Bildern und Gedanken von Frank-Ole Haake
Vom 9. Mai bis zum 26. Juni, in der Werkstatt 26, Pirnaer Straße 26 in Königstein. Vernissage am 9. Mai um 19:00 Uhr. Austausch- und Gesprächsabend am Mittwoch, dem 3.6.2026 um 18:30 Uhr
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