Dem Göttlichen nahe sein
von Feryal Kosan Genç
Erschienen im MITEINANDERSEIN 108 (März bis Mai 2025)

Kommen wir dem Göttlichen nahe mit Yoga, Meditation, spirituellen Pfaden und Klang? Ich möchte gerne aus eigener, persönlicher Erfahrung und der Begleitung vieler Menschen darauf eingehen, was für mich die Essenz eines jeden spirituellen Pfades beinhaltet.
Warum begeben wir uns überhaupt auf einen spirituellen Pfad?
Ist es ein Gefühl der Leere, der Isolation und Trennung? Oder ist es tief in uns eine Ahnung, die anklopft und uns zuflüstert: „Das kann nicht alles sein, worum es in diesem Leben geht?“ Vielleicht ist es ein Gefühl von Mangel oder Unvollständigkeit... Was auch immer der Anstoß dafür ist, dass wir uns auf einen spirituellen Pfad begeben, in der Regel ist es nicht, weil wir uns schon rundherum glücklich, frei und erfüllt fühlen.
Aber was ist der richtige Pfad für mich und wie kann ich das erkennen?
An wen kann ich mich wenden? Ich kann Dir nicht sagen was der richtige Pfad für Dich ist. Jedoch kann ich mit Dir aus meinem Erfahrungsschatz teilen, was mir eine wertvolle Orientierung auf dem Weg war. Es gibt da verschiedene Aspekte, die bei der Wahl des Mentors oder der spirituellen Gruppe wertvolle Wegweiser sein können. Das Fundament eines jeden Weges und Wegbegleiters ist die Achtsamkeit. Darauf aufbauend:
- Authentizität
- Unabhängigkeit und Eigenständigkeit
- Eigenverantwortung
- Praxis (nicht nur Theorie) – raus aus der Komfortzone
- Alltag ist der Weg – Verbindung zum Alltag
Es gibt in unserer Welt mehr Schein als Sein, alles möchte in „Marketingstrategien“ eingepackt sein, dass das „Produkt“ an den Mann bzw. die Frau gebracht werden kann. Papier ist geduldig, Texte und Fotos inzwischen mit künstlicher Intelligenz einfach und rasch „optimiert“. Wir leben leider in einer Zeit, in welcher Qualität und Inhalt alleine nicht mehr ausreichen, um gehört und gesehen zu werden. So ist es in diesem „spirituellen“ Dschungel für viele immer schwieriger, sich zurecht zu finden. Verständlich bei der Masse.
Ein ausgezeichneter Wegbegleiter (Lehrer, Mentor, Guru – egal, wie Du es nennen möchtest) zeichnet sich in einem hohen Maße durch Authentizität, Demut und Natürlichkeit aus. Achte auf den gelebten Inhalt, nicht die Verpackung. Die tiefsten Wässer agieren nicht wie Marktschreier. Ein weiser Mentor wird immer bestrebt sein, Dich in die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu begleiten. Die Funktion eines Mentors ist nicht ersetzbar und zugleich fungiert er/sie als Krücke. Ein(e) Meister/in wird Dich immer wieder auf Deine Eigenverantwortung zurückwerfen. Spirituelle Praktiken sind ein Weg der PRAXIS, nicht der Theorie. Ob Deine Praxis Früchte trägt, wirst Du in Deinem gewöhnlichen Leben leicht feststellen. Wenn Du das Gelernte nicht in Deinen Alltag implementieren kannst und nur in „besonderen heiligen“ Räumen, solltest Du stutzig werden. Dann fehlt auf Deinem gewählten Pfad entweder der Bezug zum Alltag, weil der Weg weltfremd ist, oder Du hast Dich „verrannt“ – beides kommt vor.
Ein integraler Bestandteil eines spirituellen Pfades ist die Übung, aus der eigenen Komfortzone immer wieder auszutreten. Ein nur angenehmer, vor sich hin plätschernder, immer freudvoller und fröhlicher spiritueller Pfad mag schön und erhebend sein. Ganzheitlich einen Weg zu gehen bedeutet aber immer, dass es ans Eingemachte geht. Widerstände gehören dazu, ebenso Zweifel. So lange es nur vor sich hin plätschert, hat der von Dir gewählte Weg entweder nicht die Tiefe oder Du lässt Dich nicht auf seine Tiefe ein und gibst Dich damit zufrieden, an der Oberfläche dahin zu treiben. Beides ist legitim, es ist eine Frage der eigenen, inneren Motivation und Haltung. Ohne Hingabe und Kontinuität ist es schwierig bis unmöglich, das Gelernte zu verankern.
Wähle einen Pfad, bei welchem Du eine Brücke zu Deinem Alltag bauen kannst. „Alltag ist der Weg“, heißt es auf dem Pfad des Zen Buddhismus so schön. Denn letzten Endes ist jeder Moment bedeutsam, heilig und einzigartig – nicht wiederholbar. Und wenn die spirituelle Praxis nicht in unserem Alltag, in unseren Familien, in unserer Arbeit und in unseren Beziehungen Wurzeln schlägt, wo sonst?
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