Ein Plädoyer für eine neue Rauschkultur
von Uwe Reiher
Erschienen im MITEINANDERSEIN 108 (März bis Mai 2025)

Der Zustand des Rauschs ist tief im Menschen verankert. Warum sonst hätte uns die Schöpfung sowohl mit den entsprechenden Rezeptoren in unserem Körper als auch mit den dazu passenden magischen Gegenstücken ausgestattet? Die dazugehörigen Kulturen entwickelten sich über lange Zeiträume, Kontinente und Gesellschaften hinweg – hauptsächlich durch das Lernen über eigene Erfahrungen und die Überlieferungen der Ältesten. Auch heute gibt es noch viele Kulturen, in denen dieses Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Dabei achtete man darauf, wer Zugang zu diesem Wissen erhielt – man musste sich als würdig erweisen und auf diesem Weg etliche Prüfungen bestehen. Das hat gute Gründe: Unsere Körper können viel ertragen, dennoch sind wir verletzliche Wesen – insbesondere unsere Psyche. Deshalb war der Umgang mit besusstseinsverändernden Substanzen auch in alten Kulturen gewissen Regeln unterworfen. Die Hüter dieses Wissens waren die Heil- und Kräuterkundigen: Sie gewährten Menschen den Zugang zu magischen Pflanzen oder Pilzen, sei es bei bestimmten Krankheitssymptomen oder Anlässen wie Initiationen oder Feiern.
In der westlichen Kultur ist die Kunst des Umgangs mit psychoaktiven Wirkstoffen seit Generationen moralischen und strafrechtlichen Einschränkungen unterworfen. Das hat dazu geführt, dass es im Grunde keine ganzheitliche Rausch-Kultur mehr gibt und Psychedelika aus Neugier oder zum Spaß konsumiert werden. Oft beginnt es mit dem ersten Joint und setzt sich für manche dann später mit psylocybinhaltigen Pilzen, LSD oder MDMA fort – ohne entsprechendes „Set und Setting“ – wie in der Fachsprache die mentale Verfassung des Konsumenten und die Umgebung genannt werden. Selbst bei legalen Drogen wie Alkohol fällt es schwer, in unserer Gesellschaft von einem gesunden Umgang damit zu sprechen, wenn man sich Veranstaltungen wie das Münchner Oktoberfest vor Augen führt.
Psychoaktive Wirkstoffe und Meisterpflanzen wie z. B. Cannabis sind in ihrem Wesen neutral, doch der Umgang mit ihnen hat weitreichende Folgen: Er kann bewusst erfolgen und in die persönliche Freiheit sowie Unabhängigkeit führen oder (bzw. und) dem reinen Vergnügen dienen. Die Grenze ist fließend und jeder entscheidet eigenverantwortlich. Anhand der folgenden sechs Kriterien lässt sich feststellen, ob sich der Konsum bereits im Bereich des Missbrauch bewegt. Treffen drei der Punkte über einen längeren Zeitraum zu, sollte therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.
- Starkes Verlangen
- Kontrollverlust
- Entwicklung einer Toleranz
- Entzugserscheinungen
- Vernachlässigung sozialer Interessen
- weiterer Konsum trotz negativer Folgen
Ist ein erwachsener, gesunder Umgang mit Psychedelika möglich? Ich meine ja – unter der Voraussetzung, dass man ein eigenes Regelwerk aufstellt und sich konsequent daran hält. Folgende Punkte finde ich wichtig:
- Der Konsum findet ausschließlich zeremoniell mit einer klaren Absicht und zeitlichen Begrenzung statt.
- Zwischen den Erfahrungen liegt eine Zeitspanne von mehreren Wochen oder Monaten, um die Erlebnisse zu verarbeiten und in den Alltag zu integrieren.
- Es findet ein Austausch mit Gleichgesinnten bzw. professionellen Ansprechpartnern statt, die helfen, die eigenen blinden Flecken zu erkennen und das Erlebte zu reflektieren.
Der Umgang mit Psychedelika setzt Disziplin, Reflexion und Respekt voraus – sowohl gegenüber der Substanz als auch uns selbst. Denn letztlich prägt nicht das Mittel unsere Erfahrung, sondern die Art, wie wir damit umgehen.